Rezension: Chaos

Titel: Chaos
AutorIn: Andréa Ager-Hanssen
Format: E-Book
ISBN: 9783751791588
Seiten
Bewertung:
Versunkene Kosten
Zum Inhalt:
Hedda befindet sich in einer kritischen Phase ihres Lebens. Sie ist schwanger von ihrem Freund, der sie in allem unterstützt, und arbeitet an ihrer Doktorarbeit. Soweit so gut, doch dann scheint plötzlich alles schiefzugehen. Plötzlich taucht ihr Vater wieder auf. Mit seinem Größenwahn bringt er alles durcheinander, was ihre Familie in den Jahren seiner Abwesenheit aufgebaut hat. Und Hedda trifft eine schlechte Entscheidung nach der anderen. Kann sie sich aus dem Sog ihres dysfunktionalen Umfelds retten?
Mein Eindruck:
Ich durfte dieses Buch im Rahmen einer Leserunde lesen und muss zugeben, dass es mir die ganze Zeit über schwergefallen ist, meine Erwartungen an das Buch zu formulieren.
Der bildhafte Schreibstil hat mir gut gefallen und zeugt von einer gewissen Liebe zum Detail. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Eigenschaften in der Originalsprache noch ausgeprägter sind. Es hat sich in jedem Fall zügig lesen lassen. Die Handlung setzt sich aus Rückblicken und gegenwärtigen Ereignissen zusammen, was mir prinzipiell gefällt. Es gibt jedoch keine feste Struktur, in der diese auftreten. Dadurch wirkt die Erzählung willkürlich.
Hedda wird als Hauptfigur des Buchs ziemlich komplex und unsympathisch dargestellt. Sie hat Schwierigkeiten, Emotionen zu zeigen, wirkt unbeholfen im Umgang mit anderen, hat egoistische Züge und scheint Probleme aufzuschieben. Ihr Verhalten und ihre Entscheidungen standen so gut wie immer im Einklang mit dem, was sie in der Vergangenheit erlebt hat. Das Buch zeigt hervorragend, wie Heranwachsende von ihrem Umfeld beeinflusst und wie sich generationelle Eigenheiten – besonders im psychischen Bereich – weitergegeben werden. Die Familie hat einige Probleme, und jedes Mitglied leidet auf seine Weise darunter. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die Einblicke in die Dynamiken zwischen den Familienmitgliedern größtenteils zu kurz waren, um wirklich aussagekräftig zu sein.
In den größeren Konfliktsituationen des Buches hätte ich mir mehr Reflexion und Entwicklung der Figuren gewünscht. Hedda hat sich über das gesamte Buch hinweg nicht wirklich verändert und sich ihre Fehler am Ende nicht eingestanden. Das fand ich sehr schade, da ich Charakterentwicklungen in Büchern gerne beobachte. Aus diesem Grund hat sich das Buch – neben ein paar weiteren Faktoren – irgendwie unabgeschlossen angefühlt, als wären der Autorin die Seiten ausgegangen oder die Lust an ihrer eigenen Geschichte vergangen.
Ein weiteres Problem, das ich mit dem Buch hatte, ist, dass es nichts in mir auslösen konnte, abgesehen von einem Taubheitsgefühl. Während des Lesens konnte ich mich mehrmals mit der Dame auf dem Cover (vermutlich Hedda) identifizieren und habe mich natürlich auch gefragt, ob das das Ziel der Autorin war. Was sie konkret mit dem Buch bewirken oder ansprechen wollte, ist mir ebenfalls unklar, da sie so viele Themen angesprochen, aber nichts wirklich vertieft hat. Sie hat psychische Störungen thematisiert und sie im selben Atemzug von ihren Figuren auf krankhaftes Verhalten reduziert, ohne einen gesunden Umgang als erstrebenswert zu präsentieren. Es wirkt, als könnte Hedda gar nicht anders, als sich ihren psychischen Problemen zu ergeben – wobei ich nicht suggerieren möchte, dass es ein leichter Prozess wäre, sich damit auseinanderzusetzen.
„Chaos” ist in jedem Fall ein passender Titel für das Buch. Es erzählt eine Geschichte, auf die man sich bewusst einlassen muss, um zumindest angenehme Lesestunden zu haben. Ich bin unschlüssig, ob ich das Buch weiterempfehlen würde, da ich es definitiv nicht noch einmal lesen möchte.